In meinem letzten Eintrag beschrieb ich, wie es anfing massiv zu schneien. Was in dieser Nacht weiter passiert ist:
Das Schneetreiben nahm immer weiter zu und wurde so dicht, dass die Sicht zeitweise unter fünf Meter betrug – wodurch man leicht die Orientierung verliert. Autofahrer auf der E22 zwischen Oskarshamn und Mönsterås waren dadurch gezwungen, anzuhalten – und schneiten dann so schnell ein, dass sie die Autotüren nicht mehr öffnen könnten. Hunderte von Fahrzeugen saßen fest, und dann auch die Rettungsfahrzeuge die ihnen zu Hilfe kommen wollten.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die gesamte Landschaft unter einer enormen Schneedecke verschwunden. Die Haustür ließ sich nicht öffnen, und ich musste über die hintere Veranda ins Freie klettern, und mich anschließend einmal rund ums Haus graben um die Tür freizulegen. Die anfängliche durchschnittliche Schneehöhe lag bei 70cm, mit Verwehungen von über einem Meter.
Es dauerte noch einmal fast eine Stunde, um mich bis zur Grundstücksgrenze durchzugraben. Der Zaun war komplett verschüttet und nicht mehr zu sehen. Die oberste Schneeschicht war locker und leicht, aber die darunterliegenden Schichten waren nass, schwer und kompakt und erforderten großen Krafteinsatz. Die Haufen wuchsen schnell über Schulterhöhe, und es wurde immer anstrengender den schweren Schnee so hoch zu werfen – aber wohin sonst damit?
Räumfahrzeuge tauchten zunächst nicht auf – aber ortsansässige Bauern und Waldbesitzer kamen mit ihren Traktoren und begannen die Straßen freizuräumen. Dabei schafften sie allerdings auch einen meterhohen Wall von kompaktem und zusammengefrorenen Schnee vor den meisten Einfahrten, der dann ebenfalls von Hand beseitigt werden musste. Wir verbrachten mehr oder weniger den ganzen Tag damit, zumindest die Einfahrt frei zu bekommen, da ich ja zum Nachtdienst musste. Glücklicherweise stand mein Auto in der Garage, und war nicht wie die meisten komplett verschüttet. Leider sind viele Bäume unter der Schneelast zusammengebrochen und versperren ihrerseits die Wege, und sind wegen des Schnees nur mit großem Gerät zu beseitigen.
Bei meiner Fahrt zur Arbeit kam dann das Staunen – nur wenige Kilometer südlich war die Straße komplett frei und es lag fast kein Schnee. Wie kam das zustande?
Ursächlich für das Schneechaos war ein sehr spezielles Wetterphänomen, dass als ”Lake-Effect Snow” bekannt ist, und lokal als ”Snökanon” (Schneekanone). Es kommt zustande, wenn polare Kaltluft über große Strecken offenen Wassers zieht – in diesem Fall über die noch nicht zugefrorene nördliche Ostsee. Dabei nimmt sie enorme Mengen Wasser mit, die sofort kondensieren, und lädt diese dann über Land als Schnee ab – und zwar entlang der typischen Windschneisen, die sehr schmal sein können. In diesem Fall handelte es sich um das Nordende des Kalmarsunds, ein nur etwa 30 bis 50 Kilometer schmaler Pfad von der Ostsee landeinwärts, der dem Nordostwind nichts entgegenzusetzen hat. Der Schneefall dauert meist nur wenige Stunden, ist aber massiv – in diesem Fall bekamen wir in etwa die Niederschlagsmenge von fast zwei Monaten in einer einzigen Nacht.
Auf der Rückseite der Schneewalze zog dann die Kaltluft ein – und die Temperaturen fielen bis auf -16°C, wodurch der inzwischen zusammengesackte Schnee zu einem einzigen harten Schild zusammengefroren ist, der sich mit Handwerkzeug kaum noch bearbeiten lässt.
Inzwischen haben wir uns einigermaßen durchgegraben. Die meisten Feld- und Waldwege sind zwar komplett unpassierbar, aber größere Landstraßen sind wieder frei, ebenso wie die Straßen im Ort und die meisten Zu- und Einfahrten. Der Schnee ist auf etwa 50-60cm zusammengesackt, so dass man wieder drübergucken kann. Der Verkehr läuft wieder – trotzem weigert sich PostNord, Pakete auszuliefern. Das Dorf ähnelt einem Labyrinth aus Schneisen im Schnee, und an vielen Stellen sind die Straßen nur halb so breit wie sonst.

Das Ganze hat aber nicht nur negative Seiten. Die dicke Schneedecke ist ein perfekter Schutzschild gegen die arktische Kälte, mit (gemessenen!) Temperaturgradienten bis zu 8K pro Meter. Damit sparen wir einiges an Energie beim Heizen. Zudem verhindert sie, dass der Boden gefriert, und schützt so Pflanzen und Bodenfauna vor dem Erfrieren. Unser Kaninchenstall hat sich in ein Iglu verwandelt, und den Häschen geht es sehr gut – kuschelig warm haben sie es. Der kompakte Schnee ist auch ein guter Windschutz, und stabilisiert leichtere Bauwerke und Strukturen.
Die Kinder freuen sich und rodeln fleißig – allerdings handelt es sich bei so manchem Schneehügel eigentlich um ein geparktes Auto, so hier ist Vorsicht geboten.
Außerdem fährt es sich auf dem kompakten Schnee recht gut (mit nordischen Winterreifen, natürlich), obwohl es oft visuell schwierig ist, zwischen Straße und Nicht-Straße zu unterscheiden. Die Schneewälle am Straßenrand wirken außerdem als Windbrecher und fangen Schneetrieb und Verwehungen ab.

Allerdings muss man daran denken, dass Schnee immer in Bewegung ist – er wandert langsam aber sicher jede Schräge abwärts: Dächer, Gefälle von Grundstückseinfahrten und auch die Schneehügel, die wir aufgetürmt haben, laufen nach und nach auseinander. Außerdem ist das natürlich jede Menge Wasser, so daß wir mit Überschwemmungen rechnen müssen, wenn Tauwetter einsetzt.