Schrumpfende Hunde

Dass Masha nach wie vor schnell wächst, merke ich vor allem daran dass alle anderen Hunde immer kleiner zu werden scheinen.

Es ist gerade mal vier Monate her dass sich Masha und Nachbar’s Nemo zum ersten Mal gegenüber standen, und da waren sie in etwa gleich groß. Inzwischen ist Nemo zu einem winzigkleinen Hündchen geschrumpft, kaum größer als Masha’s Kopf. Erst wenn sie sich flach vor ihm auf den Boden legt, sind sie etwa auf gleicher Augenhöhe. War er denn schon immer so klein? frage ich sein Frauchen ungläubig. Gibt’s doch gar nicht.

Ein anderer Hund dem wir regelmässig begegnen ist ein dreijähriger, deutlich übergewichtiger schwarzer Labrador Retriever. Als Masha zum ersten Mal mit ihm spielte, konnte sie aufrecht unter ihm durchlaufen. Ich hatte ihn immer als Anhaltspunkt für Masha’s zukünftige, endgültige Größe genommen, aber statt dessen ist er nun auf ihre Größe zusammengeschrumpft – jedenfalls was Höhe und Länge betrifft. Er ist allerdings erheblich dicker und runder als Masha, und fast doppelt so schwer.

Inzwischen hat Masha das Schwimmen für sich entdeckt.

Ja, ich weiß, es ist Januar und an manchen Tagen bedeckt eine dünne Eisschicht den See – aber das schreckt sie nicht ab. Vielmehr war es so dass sie immer nur so weit ins Wasser ging wie sie Boden unter den Füßen hatte.

Wir sind oft mit Bamse am See, und Bamse ist ein begeisterter Schwimmer, solange die Herausforderung stimmt. Ein Stock, kaum fünf Meter vom Ufer entfernt, bringt bestenfalls ein Stirnrunzeln und gelangweiltes Gähnen. Wirft man den Stock aber mit aller Kraft weit hinaus auf den See, dann ist der Große sofort im Wasser und rettet den Stock.

Dabei arbeiten die beiden Hunde meist zusammen. Bamse schwimmt hinaus und holt den Stock zurück bis er wieder Boden unter den Pfoten spürt, und übergibt ihn dort Masha, die ihn weiter zurück an Land transportiert.

Vor ein paar Tagen änderte sich diese Routine ganz plötzlich.

Der Stock platschte weit draußen ins Wasser – und alle schauten zu Bamse. Der machte drei Schritte in Richtung Wasser, und hatte das Ufer gerade verlassen als plötzlich ein kleiner, brauner Torpedo an ihm vorbeisauste, schnurgerade auf den Stock zu, den ganzen Weg hin, eine Kehrtwende auf der Stelle mit rotierendem Schwanz und Stock im Maul, und wieder zurück bis ans Ufer.

Masha total begeistert von sich selbst, und Bamse, am Ufer erstarrt, den Blick aufs Wasser geheftet, verwirrt. Was ist denn nun los? Und wo ist der Stock hin?

Noch einmal zum Mitschreiben. Den Stock wieder raus aufs Wasser, Bamse schaut hinterher, und wieder schießt Masha an ihm vorbei, holt den Stock und liefert ihn bei mir ab. Wieder ein Freudentanz von ihr, und ein verwirrter Blick von Bamse. Hä? Langsam und hörbar klicken die Zahnrädchen in seinem großen Kopf…Skepsis in seinem Blick. Was ist das für ein Hund, und was habt ihr mit Masha gemacht?

Und noch einmal. Masha will gar nicht aufhören. Bamse wendet sich ab, trottet ein paar Meter vom Ufer weg und setzt sich, starrt in die Ferne.

Auch er geschrumpft, der große Golden Retriever der seiner kleinen Masha immer so bereitwillig und geduldig die Stöcke aus dem Wasser holte. Jetzt schwimmt sie ihm davon. Wirft ihn um wenn sie ihn in ihrer Begeisterung anspringt. Holt ihn ein wenn er in seinem eleganten Galopp über die Wiese donnert, beißt ihm in den Hintern, und grinst ihn an: Na, was jetzt, Großer? Spielst du noch mit?

Ich muss lachen – vor allem über ihr Augenzwinkern. Sie zwinkert nämlich mit beiden Augen, aber nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd. Das ist ansteckend – ich habe mich schon ein paar Mal selbst dabei ertappt es ihr als Antwort nachzumachen, woraufhin sie jedesmal meine Nase mit ihrer anstupst.

Was sage ich da? Meine Nase mit ihrer…? Ja, tatsächlich. Offenbar bin ich auch geschrumpft.

2020 AD

Ein gewisser Vierzehnjähriger versucht mir weiszumachen dass in ein paar Tagen ein neues Jahrzehnt der Zeitrechnung AD (anno domini) beginnt, und so klingt es tatsächlich auch in den Medien.

Nun kennt die Zeitrechnung AD aber kein Jahr 0 – das erste Jahrzehnt umfasste also nicht die Jahre 0 bis 9, sondern 1 bis 10.

Das zweite Jahrzehnt AD begann demnach mit dem Jahr 11 und endete mit dem Jahr 20, und so weiter – und folglich begann das laufende zweihunderterste Jahrzehnt AD mit dem Jahresanfang 2011 und endet am 31.12.2020.

Das neue Jahrzehnt AD beginnt daher erst am 01.01.2021. Mathematisch gesehen also, aber wen kümmert das schon…schliesslich feierten wir den Anfang des dritten Jahrtausends AD auch ein Jahr zu früh.

Und genau genommen begann die Zeitrechnung AD auch nicht mit dem Jahr 1, sondern mit dem Jahr 532 – und auch diese Zahl war seinerzeit einfach eine Behauptung die auf einer (vermutlich recht guten) Schätzung beruhte.

Wenn die Behauptung dass das laufende Jahrzehnt AD in der kommenden Woche zu Ende geht also falsch ist, warum ist sie dann so relevant?

Jahreszahlen-Mystik im Zeichen der Hoffnung? Können wir die zermürbende Gegenwart endlich hinter uns lassen, und mit der Zukunft anfangen in der es uns allen und unserer Welt besser ergehen wird?

Konnten wir das jemals zuvor?

Oder ist es vielmehr die Suche nach einem Abschluß, nach Distanz, um zurückblicken und reflektieren zu können, das Erlebte zu begreifen und Sinn darin zu finden? Begreifen mittels Zuordnen eines Begriffs – „die 2010er“ also?

Das trifft wohl eher den Kern der Sache – und in diesem Sinne bin ich gewillt über die mathematischen Feinheiten hinwegzusehen und den zurückliegenden zehn Jahren einen Namen zu geben und sie damit ein bisschen weiter von uns wegzurücken.

Mögen sie lehrreich sein und Staub ansetzen, die 2010er.

Advent

Es ist Advent – der Endspurt zur Wintersonnenwende hat begonnen.

Der November war der trübste in unserer Gegend seit es Aufzeichnungen darüber gibt. Fünfzig bis sechzig Sonnenstunden sind der Durchschnitt für diesen Monat – dieses Mal gab es nur zehn.

Aber kaum war der Monat zuende, brach die dichte Wolkendecke auf und die Sonne kam heraus, und es wurde ein Bilderbuch-Adventssonntag: Windstille, klare, eiskalte Luft und eine dünne Schicht knirschenden Schnees unter den Stiefeln.

Die alte Eisenbahnbrücke im Hinsaryd Göl – mal im richtigen Licht

Plötzlich war die Landschaft überhaupt nicht mehr grau und trist, sondern richtig einladend – und so wurde der traditionelle Adventsspaziergang ein ausgedehnter solcher.

Auf dem Heimweg trafen wir dann auch noch auf Bamse, und die Hunde tobten noch eine Weile am – und im – Wasser herum. Natürlich gelang es dem Großen nicht die ins Wasser geworfenen Schneebälle zu apportieren. Egal wie sicher er sie aufsammelte, waren sie doch bei der Landung immer auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Ein Menschen-Scherz, den er einfach nicht durchschaute. Aber Spaß hat’s ihm trotzdem gemacht, und reichlich Lob und Belohnungshäppchen gab es ja auch.

Mascha scheut zwar nicht das Wasser, will aber immer noch Boden unter den Füßen haben. Außerdem holt Bamse ja jedes unerreichbare Spielzeug aus dem Wasser und bringt es zu ihr – ein richtiger Held und Kavalier.

Am Nachmittag war es dann soweit: Zeit den Stollen anzuschneiden.

Unser traditioneller Marzipan-Stollen

Diesen hatte ich schon Anfang November gebacken, und dann durfte er noch ein paar Wochen reifen. Rezepte dafür gibt’s ja jede Menge, unser hauseigenes behalte ich deshalb für mich. Aber von seinem Geschmack darf ich ruhig schwärmen…darauf freue ich mich jedes Jahr wieder.

Aber ein anderes Rezept kann ich mal zum Besten geben, nämlich gegrillte Hühnerbruststreifen als besondere Belohnungen für den Hund.

Eigentlich ist das gar kein Rezept – ich schneide einfach ein Hühnerbrustfilet in Streifen und grille diese eine Viertelstunde im Ofen, und anschließend trockne ich sie in der Heißluft bei etwa 120°C für weitere 15 bis 20 Minuten. Das Resultat sind dann weiche, aber dennoch trockene kleine Stückchen, die man ganz leicht mit den Fingern zerteilen kann.

Gegrillte Hühnerbrust – ein Snack für Hund und Mensch

Damit habe ich den Rückruf-Doppelpfiff für Masha – und neuerdings auch Bamse – absolut unwiderstehlich gemacht. Und das Gute dabei ist: die schmecken nicht nur dem Hund, sondern seinem Menschen ebenso – und sind vielseitig verwendbar (z.B. im Salat, oder als Brotbelag, oder als Fingerfood mit Chili-Dip).

Im Kühlschrank halten sie sich eine gute Woche – vorausgesetzt man hält sie trocken…und von Hunden fern. Fallen sie einem nämlich in der Gegenwart des Hundes aus der Hand, erreichen sie niemals den Boden 😉

Nass, kalt, dunkel

Mit weniger als sieben Stunden schwachen Tageslichts nähert sich das Jahr seinem absoluten Tiefpunkt. Lautloser feiner Sprühregen wird von Windböen in alle Richtungen getrieben und dringt durch die feinsten Ritzen.

Ein Blick nach vorn bringt einen nasskalten Schauer ins Gesicht, und Wassertropfen auf den Wimpern lassen die Landschaft verschwimmen.

Die Leute sind mürrisch, haben es eilig, die Kragen hochgeschlagen, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. In allen Fenstern stehen Lampen, um die monströse Dunkelheit auszusperren. Wer nicht raus muss, der bleibt im Haus, und kriecht unter eine Decke.

Wenn man dann so ins Kaminfeuer starrt, mit einem weichen, warmen Hund neben sich der sich in seiner ganzen Länge ankuschelt und selig vor sich hin schnarcht – wie kann man da seine Gedanken fest- und die Augen offenhalten? Recht hat der Teddybär…lass es uns verschlafen, der nächste Frühling kommt bestimmt.

Wir bleiben im Hafen

Ein unerwarteter Sonnen-Sonntag – mitten im November – brachte einen langen Spaziergang, zusammen mit Bamse. Mit ihren wilden Waldabstechern legten die Hunde dabei locker das Dreifache der nominal drei Kilometer langen Strecke zurück.

Bei diesem wilden Herumtoben in schwierigem Gelände hat Masha sich die linke Vorderhand verstaucht – und so sind wir nun, wieder bei bestem Twilight-Wetter, für ein paar Tage mehr oder weniger ans Haus gebunden.

Bootshafen am See

Wir beschränken uns auf kurze seeseitige Rundgänge, mit durch kurze Leine erzwungener Ruhe, und halten uns ansonsten meist an Masha’s Lieblingsplatz auf: der Küche – was, aus genetischen Gründen, die Laune des Hundchens nicht nur über Wasser hält, sondern um die Mahlzeiten herum regelrecht abheben lässt.

Dort gibt es heute einen November-Klassiker: gebratenen Rosenkohl.

Dieser hat nämlich gerade Saison – eine der letzten Gemüse-Ernten im Gartenjahr. Die einzigen anderen Gemüsesorten die noch stehen sind Grün- und Schwarzkohl, und auch von diesen hole ich heute ein paar Blätter.

Für meine Version dieses bekannten Spätherbst-Rezeptes brauchen wir:

  • ca. 500g frischen Rosenkohl
  • ca. 50-100g Schwarzkohl (Grünkohl geht auch)
  • ein kleines Stück Kohlrübe, ca. 50g
  • eine Knoblauchzehe
  • Olivenöl
  • 1 EL Butter
  • 1 TL Salz
  • 150g Feta
  • eine Apfelsine
  • Pfeffer aus der Mühle

Zunächst schneide ich die Röschen vom Stamm und halbiere sie. Der Schwarzkohl wird kleingeschnitten und blanchiert, und der Knoblauch fein gehackt. Aus dem Kohlrübenstück schneide ich kleine streichholzdünne Streifen – oder heute zur Abwechslung mal Würfel.

Als nächstes erhitze ich das Öl in einer Pfanne, und gebe die Butter hinein. Sobald die Butter geschmolzen ist, gebe ich den Rosenkohl dazu und brate ihn etwa fünf Minuten, bis er ein wenig weich zu werden beginnt.

Dann gebe ich den Schwarzkohl, den Knoblauch und die Kohlrübenstücke dazu, streue das Salz darüber, und brate das Ganze noch weitere zehn Minuten bei mittlerer Hitze.

Anschließend alles in eine Schüssel geben, die gewürfelte Apfelsine dazu, den Feta darüber zerkrümeln, ein paar extra Tropfen Olivenöl und zwei, drei Runden mit der Pfeffermühle, durchmischen – und servieren! Schmeckt am besten warm, ist aber auch kalt genießbar.

Statt der Apfelsine kann man auch Granatapfelkerne (wunderschöne Optik), oder Apfelstücke nehmen – ganz wie man mag. Der gebratene Rosenkohl geht gut mit jeder Sorte Brot, zum Beispiel ein helles Baguette.

Übrigens – wer Kohl nicht gut verträgt und darauf mit starken Blähungen reagiert: einfach häufiger kleinere Mengen davon essen, um die Darmflora daran zu gewöhnen. Na ja – und immer raus mit den Gasen 🙂 …ein Spaziergang hilft dabei.

Verkehrte Welt

Heute machte Masha einen Ausflug in die Stadt.

Für ein Hundekind dass auf dem Lande aufwächst und tagein, tagaus die Wildnis durchstreift, ist diese Umgebung unfassbar. Überwältigend. Absurd.

Harter Untergrund, enge Wege – ein Labyrinth aus hohen, undurchsichtigen Mauern die es unmöglich machen Bezugspunkte für die Orientierung zu finden.

Hunderte von Stimmen, tausende Beinpaare, und Millionen unbekannter Gerüche. Beständiger Lärm. Es ist schwierig die Quellen von interessanten Geräuschen zu lokalisieren, ein Geschehen länger als ein paar Sekunden zu beobachten, einer Duftspur zu folgen ohne gleich wieder von der Leine gebremst zu werden weil ein zwei- oder vierrädriges Fahrzeug vorbeiprescht.

Die Vögel verhalten sich merkwürdig. Sie fliehen nicht – sondern kommen heran. Eine Dohle starrt sie aus nicht mal einem Meter Entfernung erwartungsvoll an. Masha weicht zurück. Irgendetwas stimmt mit diesen Vögeln nicht. Hallo? Ich bin ein Hund! Wo ist euer Wächter? Wieso kommt kein Warnruf? Wieso flattert ihr nicht weg?

Es gibt viele Hunde hier. Aber die sind stocklangweilig, gehen brav bei Fuß, bewegen sich nur auf Kommando – Steh, Geh, die Augen links – wie Maschinen. Sie würdigen uns keines Blickes. Masha schaut mich fragend an: ist das ein Hund? Sieht aus wie ein Hund, nur kleiner, riecht auch wie ein Hund – schaut aber nicht herüber, rührt sich nicht aus seiner Bahn, nicht mal ein Schwanzwedeln zum Gruß.

Die größte Herausforderung jedoch ist der Müll. Die Stadt ist voll davon. Masha ist überwältigt von diesem ungeheuren Reichtum, und beginnt jedes Detail zu untersuchen.

Ausgespuckte Kaugummis, Glasscherben, halbvolle Chipstüten, Zigarettenstummel, Reste von Zeitungen und Plakaten und andere Papierfetzen, Plastetüten, Teile einer Styroporverpackung, Plasteflaschen, Getränkedosen, eine interessant riechende Papiertüte mit einem bogigen M, unidentifizierbare rote Brückstücke aus Plaste…und da sind wir noch keine fünfzig Meter gelaufen.

Am Hafen findet sie einen toten Fisch auf dem Steg. Masha springt zwei Schritte rückwärts. Sieht essbar aus – riecht aber abstoßend, sogar für einen Hund. Und das will was heißen…

Inmitten dieser Müllhalde sehe ich mich tun was jeder brave Hundehalter tut. Masha hat auf einem der wenigen müllfreien Flecken Gras einen großen Haufen gemacht.

Ich zögere einen Moment. Ich bin geneigt diesen perfekten, olivgrün-brauen Kringel mit seinem eleganten Zipfel, dieses Musterbeispiel von umweltverträglichem Endprodukt – das einzige weit und breit das definitiv und schnell biologisch abbaubar ist – aus schierem Protest einfach liegen zu lassen.

Aber an absurden Plätzen tut man absurde Dinge – also krame ich seufzend die obligatorische Tüte hervor und sammle das Kunstwerk ein, um es in den erstaunlich leeren, mit einer schwarzen Plastetüte ausgekleideten Mülleimer am Rande der Parkanlage zu werfen. Eine fast obszöne Handlung.

Wir verlassen die Stadt und fahren zurück, mit Zwischenstopp am Ostseebad. Es gießt in Strömen. Leine ab, und dann rennt sie los. Sand, Wasser, Vogelkacke, meterhohes Schilf. Ein paar Enten flüchten, laut kreischend und zeternd. Normalität hat uns wieder.

Die halbe Meile

Ich fahre mal fort mit ein paar Ortsansichten, aufgenommen wieder mal bei einem Spaziergang mit Masha.

Dass die Bilder etwas grau und düster wirken ist eine korrekte Abbildung der Wirklichkeit – es ist November, und da gibt es nicht gerade viel Tageslicht hier. Zudem ist der Himmel permanent wolkenverhangen, was die Stimmung noch etwas düsterer macht – aber auch das ist für diese Jahreszeit völlig normal.

Unsere Mittagsrunde am Dienstag führte zur alten Eisenbahnbrücke am Hinsaryd Göl, weiter nach Sandslätt und dann am Riksväg 125 entlang wieder zurück – eine schöne Runde von ungefähr fünf Kilometern, also eine halbe schwedische Meile.

Der Weg beginnt an der neuen Feuerwache, mit der jungen, bildschönen Roßkastanie davor – eine in dieser Gegend eher seltene Baumart.

Die neue Feuerwache von Alsterbro

Vor gut einem Jahrhundert verliefen hier noch Gleise – auf dem Bild oben sieht man hinter der Wache schon die Dachspitzen des ehemaligen Bahnhofsgebäudes.

Das Empfangsgebäude des vormaligen Bahnhofs – ein imposantes Bauwerk für einen so kleinen Ort. Steht schon lange leer und ungenutzt.

Von der Feuerwache aus marschieren wir Richtung Südosten, in etwa der ehemaligen Eisenbahnlinie folgend. Dabei kreuzen wir die Stammleitung Südost, das Rückgrat der regionalen Stromversorgung.

Hochspannungsleitungen kurz hinter dem Ortsende

Nicht weit davon befindet sich die örtliche Wasseraufbereitungsanlage, mit biologischem Reinigungswerk.

Im Frühjahr wurden hier Glasfaserkabel verlegt, und bei dieser Gelegenheit auch ein schon lange defektes Ventil an der Wasserhauptleitung endlich ausgetauscht. Um die Wasserversorgung des Orts sicherzustellen, wurde hier zeitweilig Wasser aus Tanks eingespeist.

Wasseraufbereitungsanlage mit biologischem Reinigungswerk

Hinter dem Wasserwerk folgen wir wieder der ehemaligen Bahnlinie, die heute nur noch ein – entsprechend schnurgerader – Waldweg ist. Dieser etwa einen Kilometer lange Weg ist die kürzeste Verbindung zwischen Alsterbro und Sandslätt: eben, wetterfest, weit abseits der Landstraße, und daher die bevorzugte Strecke für Fußgänger und Radfahrer.

Der Weg führt quer durch das Hinsaryd Göl, einem Sumpfgebiet mit einem kleinen See entlang des Alsterån (= des Flusses „Alster“).

Am Hindaryd Göl, Westseite des Weges
Hinsaryd Göl, Blick nach Osten zum Kraftwerk

Dort wo der Weg den Fluß kreuzt, befindet sich eine hübsche eiserne Bogenbrücke, die daran erinnert dass der heutige Waldweg einst eine Bahnstrecke war.

Alte Eisenbahnbrücke

Östlich der Eisenbahnbrücke sieht man das Wehr des örtlichen Kraftwerks.

Kraftwerk Sandslätt

Dieses Kraftwerk versorgte einmal eine Möbelfabrik und die zugehörige Arbeitersiedlung, die wir kurz nach der Brücke erreichen.

Die ehemalige Möbelfabrik in Sandslätt

Die Fabrik wurde schon vor Jahrzehnten aufgegeben – steht aber noch voller Maschinen und halbfertiger Möbel. Sieht man über den natürlichen Verfall hinweg, sieht es aus als wäre die Belegschaft nur auf einem Betriebsausflug und würde die Arbeit morgen wieder aufnehmen.

Entlang der Zufahrtsstraße zur Möbelfabrik erstreckt sich die Siedlung Sandslätt.

Sandslätt, Barklunds Väg, Blick von der Möbelfabrik nach Westen
In Sandslätt, Rosenströmsvägen

Von Sandslätt aus marschieren wir entlang des Riksväg 125 (Landstraße) in nördlicher Richtung zurück nach Alsterbro, vorbei an der Siedlung Hinsaryd.

In Alsterbro überqueren wir die Alsterbrücke, die unserem Ort seinen Namen gab. Wie früher schon einmal erwähnt, befindet sich auch hier ein Wehr samt Kraftwerk, das allerdings schon lange stillgelegt ist.

Ehemaliges Kraftwerk an der Alsterbrücke, Generatorhaus und Arbeitskanal

Es gibt hunderte solcher kleinen, lokalen Wasserkraftwerke im ganzen Land – aber nur wenige die noch in Betrieb sind. Einige davon werden als Museum erhalten und gepflegt, andere sind dem Verfall ausgeliefert.

Dezentrale Stromversorgung war einst Standard – aber der Betrieb und Unterhalt eines solchen kleinen Kraftwerks ist aufwändig, während seine Leistung für den heutigen Energiebedarf viel zu gering ist.

Außerdem schaden die Wehre der Artenvielfalt im und um den Fluss sowie einigen einheimischen Fischarten. Vor allem verschlimmern sie, jeweils flussabwärts, das Problem der extrem niedrigen Wasserstände bei anhaltender Trockenheit – die in den letzten Jahren immer häufiger auftritt.

In den Wald hinaus

Wald ist unsere Landschaft.

Es gibt hier keinen „Waldrand“, sondern vielmehr einen Ortsrand – und ganz gleich in welche Himmelsrichtung man diesen überquert, dahinter ist überall Wald. Ein Ozean aus Bäumen. Hier geht man nicht in den Wald hinein, sondern in den Wald hinaus.

Pferdekoppel am Ortsrand

Die Baumwipfel sind der Horizont, ringsum, überall – und selbst wenn man auf einen hohen Turm steigt, ändert sich daran nichts. Menschliche Siedlungen verstecken sich zwischen den Bäumen – meist sind es einzelstehende Häuser, Gehöfte oder kleinere Waldsiedlungen, und nur selten dichtere, zusammenhängende Bebauung in Form von Dörfern.

Ortsrand, Straße nach Osten

Der größte Teil des Waldes ist bewirtschaftet, viele Bäume also jünger als hundert Jahre. Die typischen Wirtschaftsbäume sind Fichten und Birken.

Daneben gibt es aber auch viele Kiefern, die langsamer wachsen aber auch wiederstandsfähiger sind – sowie einige Lärchen und viele dicke Eichen. Letztere unterscheiden unseren Wald von der Taiga, in die er wenige hundert Kilometer weiter nördlich nahtlos übergeht.

Wie auf dem Ozean, so ist es auch im Wald leicht die Orientierung zu verlieren. Bewegt man sich abseits der wenigen Straßen, muss man, sofern man kein GPS Navigationsgerät mit sich führt, mittels Himmelsrichtung und Landmarken navigieren – beispielsweise anhand auffälliger Bäume oder Steine.

Meinem Hündchen Masha scheint diese Orientierung im Gelände angeboren zu sein – auch nach mehreren Kilometern kreuz und quer abseits aller Wege befolgt sie das Kommando „nach Hause“ prompt und zielsicher, ohne Richtungshinweis meinerseits.

Natürlich weiss sie dass „zuhause“ ein paar Stücke gekochte Hühnerbrust auf sie warten, also tut sie den Job auch gleich mit einer gewissen Begeisterung – im Sprint durch dichtes Unterholz, über Stock und Stein, durch Wasserlöcher und Gräben, mich klobigen und weit weniger trittsicheren Zweibeiner an der langen Leine immer hinter sich herschleifend.

Und tatsächlich erreichen wir nach einer Viertelstunde den Ortsrand – nicht ganz den Weg den wir gekommen waren, aber nah genug, an einer uns wohlbekannten und vertrauten Stelle. Na ja, an der Teamarbeit müssen wir noch ein bisschen feilen…aber ihr Orientierungssinn ist großartig.

Das „nach Hause“ Kommando entstand übrigens nicht durch gezieltes Training, sondern zufällig – ich habe am Ende unserer Spaziergänge immer betont dass es „nach Hause“ geht, und mich dann bei der Ankunft zuhause jedesmal mit einer kleinen Leckerei für ihre Begleitung bedankt. Erst später fiel mir auf dass sie ohne Zögern und Zwischenstops zügig und direkt nach Hause lief, wann immer ich diese Worte zu ihr sagte.

Ansonsten verwende ich ausschliesslich Handzeichen um anzuzeigen wo ich hingehen möchte – die sie mit erstaunlicher Genauigkeit befolgt. Ich muss also aufpassen wo genau ich hinzeige, denn sie geht dorthin wo ich zeige, nicht dorthin wo ich gehe. Aber bei „nach Hause“ brauche ich inzwischen kein Richtungszeichen mehr zu geben, selbst wenn wir einige Kilometer entfernt sind.

Mittwoch

Ein Novembermittwoch hat so was wie einen Tagesanbruch, aber von Sonnenaufgang kann um diese Jahreszeit keine Rede sein. Es ist kalt und windig, und vom Himmel fällt eine Mischung aus Regen, Schnee und nassem Laub.

Die sonst überwiegend grüne Landschaft ist nun hauptsächlich grau, die sonst trittfesten Waldwege sind zu kaum passierbaren Schlammpfaden geworden – durchsetzt von ausgedehnten, tiefen Pfützen die sich hier und da an den Fluss angeschlossen haben.

Für unsere Vormittagsrunde sind deshalb im Moment eine wasserdichte Jacke, ein australischer Lederhut und ein paar kniehohe Neoprenstiefel meine Standardkleidung – so kann ich mit Masha’s Fell einigermaßen mithalten. Das Hundchen stört sich nicht am Wetter – sondern nur an Langeweile, also im Haus bleiben geht nicht.

Wir maschieren heute etwas weiter flussabwärts, ein paar hundert Meter östlich des Sees, wo der Fluss in eine fast kreisrunde, etwa hundert Meter breite Erweiterung einmündet, bevor er wieder schmal wird und dann scharf nach Süden abknickt.

Aus der Luft betrachtet, sieht dieser Flussabschnitt aus wie eine überdimensionale Armbanduhr – und wird deshalb auch so genannt.

Klockehölje

Das Westende des „Uhrengehäuses“ (links im Bild) liegt ein paar Meter tiefer als der See – und entsprechend stark ist die Strömung dort in den Stromschnellen. Folgerichtig befand sich dort einst ein Wasserkraftwerk dass den Ort und seine Industrie mit Strom versorgte.

Die Stromschnellen am Ausfluss des Sees – bzw. die Brücke die darüber führt – markiert die Grenze zwischen den Gemarkungen Kråksmåla (nördlich) und Bäckebo (südlich).

Diese beiden Orte bzw. deren Kirchen sind jeweils ziemlich genau zehn Kilometer entfernt. In der Mitte zwischen den Orten gab es einst ein Landgut – hier wurden Handel und Handwerk betrieben und gemeinsame Feste gefeiert. Später kam Industrie dazu samt Wohnsiedlungen für die Arbeiter, feste Geschäfte, eine Schule, sogar eine Eisenbahnlinie mit Bahnhof.

Eisenbahn, Industrie und Kraftwerk gibt es hier aber schon lange nicht mehr, nur noch ein paar leere Gebäude – Reste einer Glashütte, einer Möbelfabrik, einer Färberei und zahlreicher kleiner Handwerksbetriebe die den Ort einmal begründet hatten. Die Wohnhäuser der Arbeiter blieben aber bis heute bewohnt, und auch die Schule hat sich erhalten.


Am späteren Nachmittag – wie immer mittwochs – machen wir dann einen Ausflug in die Reitschule – und Masha kommt mit. Hier gibt es immer viele Leute von denen man sich den Bauch kraulen lassen kann, und jede Menge zu inspizieren und zu beschnüffeln.

Pferde findet sie natürlich auch interessant – obwohl die Ausbildungs-Ponys eher etwas langweilig sind. Die meisten dieser Ponys haben schon viele Dienstjahre hinter sich, sind entsprechend erfahren und lassen sich vom Kindertrubel nicht aus der Ruhe bringen.

Im Ponystall

Susie, unser heutiges Trainingspony, ist noch etwas jünger, und studiert nach der Pflegerunde aufmerksam den kleinen schlappohrigen braunen Vierbeiner der da neugierig zu ihr heraufschaut.

Susie bei der Pflegerunde

Masha beobachtet gebannt wie Susie gemächlich eine Handvoll Heu mampft und probiert ebenfalls einen Halm zu knabbern – wendet sich dann aber lieber den verführerisch duftenden Pferdeäpfeln zu.

Diese Begeisterung der Hunde für die Ausscheidungen anderer Tiere ist gewöhnungsbedürftig – denn sie schnüffeln ja nicht nur daran, sondern fressen sie auch wenn man sie nicht daran hindert.

Pferdeäpfel – mit ihren vielen Fasern und keimtötenden Inhaltsstoffen – können dabei für den Hund durchaus nützlich und sogar gesund sein. Das Fressen derselben ist also evolutionäre Überlebensstrategie, und nicht Verfressenheit.

Aber leider gilt das eben nicht für jeden Pferdeapfel. Hat das Pferd beispielsweise Würmer oder andere Darmkrankheiten, oder wurde es kürzlich mit Medikamenten behandelt, dann kann es dem Hund unter Umständen schlecht ergehen. Vorsicht ist also geboten.

Landschaft

Dass es auf meiner Seite an Landschaftsbildern fehlt liegt vor allem daran dass ich nur selten welche mache.

Andererseits…wenn ich mir andere Blogs anschaue, ziehen mich vor allem diejenigen Bilder an, die mir die Umgebung des Autors zeigen. Manche Seiten sind dabei regelrechte Bilderpoesie, lassen mich reisen, den weit entfernten Ort erleben und erkunden, und in die Stimmung eintauchen.

Das möchte ich auch gern versuchen. Da das allerdings ein komplett neues Genre für mich ist, brauche ich noch ein bisschen Übung und Inspiration.

Was mir dabei wie gerufen kommt ist das ausgesprochen wanderfreudige Hündchen dass sich nun ständig an meiner Seite befindet, und das mich mindestens dreimal täglich auf einen ausgedehnten Spaziergang ausführt.

Unsere Morgenrunde ist (fast) immer dieselbe.

Der erste Checkpoint ist das alte Waschhaus am Nordostufer des Sees – etwa 200 Meter von unserem Haus entfernt.

Dort wurde früher (vor dem Zeitalter der Waschmaschinen) die Wäsche gewaschen – heute bewahrt die Schule dort ihre Ausrüstung für den Naturkunde-Unterricht auf, insbesondere zum Thema Binnengewässer.

Rund um das Häuschen befindet eine Platform die auf den See hinausragt, so dass der Unterricht direkt dort stattfinden kann. Und eben diese Plattform ist unser erster Anlaufpunkt am Morgen.

Am alten Waschhaus

Von dort aus wandern wir am Seeufer entlang. Um diese Jahreszeit liegen dort einige Ruderboote zur Winterruhe – denn der See friert in der Regel im Winter zu. Unser Boot liegt noch im Wasser, nicht weit vom Waschhaus, kommt aber im Laufe der nächsten Woche wahrscheinlich auch an Land.

Seeufer beim Waschhaus

Am Ende der letzten Eiszeit befand sich diese Gegend am Grunde eines riesigen Schmelzwassersees, von dem nach dem Durchbruch und Abfluss in die Nordsee nur noch die Ostsee übrig blieb (eigentlich ist es also der Ostsee, nicht die).

Daher ist die Landschaft nahezu durchgehend mit Feldbrocken bedeckt, alles von Kohlkopf- bis Hausgröße – und dazwischen und darüber befindet sich nur eine dünne Schicht sehr kargen Bodens, oder eben nach wie vor Wasser in der Form tausender kleinerer und größerer Seen.

Unser See gehört zu den kleineren. Er erstreckt sich etwa drei Kilometer in südwestlicher Richtung, und stellt eine Art natürliches Staubecken für den Alster-Fluss dar, der durch unseren Ort fließt. Dieses Becken ist sehr flach, mit einer maximalen Tiefe von etwa zwölf Metern, hat viele kleine Buchten, und in der Mitte des Sees besteht eine konstante langsame Strömung nach Südosten.

Der Wasserstand des Sees variiert stark, und damit auch seine Uferlinie. Diese kleine Bucht war noch vor wenigen Wochen nur etwa zur Hälfte mit Wasser gefüllt, so dass das Boot links im Bild auf dem Trockenen lag und man in Blickrichtung der Kamera einfach gerade durchlaufen konnte:

Kleine Bucht am Campingplatz

Jetzt steht die Bucht wieder etwa einen halben Meter unter Wasser. Hier haben Masha und ich letzte Woche einen Hecht entdeckt – und hatten ihn auch schon einmal an der Angel. Aber in so flachem Wasser ist ein Hecht schwer zu bergen, konnte sich ein paar Meter vor dem Ufer doch wieder losreissen und hielt sich dann erstmal außer Reichweite.

Heute morgen haben wir ihn aber wieder gesichtet – oder vielmehr die typische Bugwelle die seine Bewegung auf dem dank Windstille spiegelglatten Wasser erzeugte. Vielleicht versuchen wir am Wochenende noch mal ihn zu fangen.

Huch – da ist ein Hund im Wasser!

Von der kleinen Bucht aus gehen wir dann zu dem großen Apfelbaum am Fussballplatz. Dort gab es in diesem Jahr viele Äpfel, so dass wir fast jeden Morgen mit vollen Taschen heimkehrten. Nun ist der Baum kahl und leer, aber trotzdem besteht Masha auf diesem Zwischenstopp um den Boden nach Äpfeln abzusuchen.

Heute morgen überraschten wir dort ein Wildkaninchen, dass Hals über Kopf in Richtung See floh. Bis meine Kamera zur Hand war, war das Kaninchen aber schon hinter dem Servicehaus verschwunden.

Servicehaus am Fussballplatz

Nach dem Mittagessen ging es dann an die Ostsee.

Badeplatz, Rafshagenudden

Der Badeplatz Rafshagenudden, etwa 35km südöstlich von hier ist ein genialer Zwischenstopp auf dem weiten Weg in die Stadt bzw. auf dem Rückweg von dort. Masha kann sich dort nicht nur die Beine vertreten, sondern nach Herzenslust herumtoben und -schüffeln, und den Stadtstress abschütteln.