Winterende

Lieber René,

die ersten Wochen nach deinem Tod waren unerträglich schwer und schmerzhaft. Ein Vater der seinen Sohn verloren hat – ist ein Leben in das ich mich nicht richtig hineinfinden kann.

Die Kirche in Kråksmåla hat uns freundlicherweise angeboten, die Trauerfeier für dich auszurichten – und dieses Angebot haben wir dankend angenommen. Irgendwie war es der logischste Ort – eine vertraute Umgebung wo du schon so oft zum Schulabschluss gesessen hast, und auch weitgehend dieselbe Runde von Leuten: deine Klasse, deine Lehrer, Nachbarn und Freunde. Auch alle deiner vier Geschwister sind gekommen.

Ich fand es nahezu unmöglich zu entscheiden wie wir die Feier gestalten sollten, denn eigentlich sollte sie in meiner Lebenszeit ja überhaupt nicht stattfinden. Mit viel Hilfe, vor allem auch von Seiten der Kirche, wurde es aber eine sehr schöne und würdige Feier – jedenfalls im Rückblick.

Und dort – bei der Kirche – wird nun auch dein Grab sein.

Wir haben dann beschlossen unsere geplante Reise zum Skifahren in den Bergen trotz allem anzutreten – so verloren wir uns auch fühlten, suchten wir einen Moment der Ablenkung und des Luftholens, um uns zu sammeln und unsere Gedanken zu ordnen.

Ablenkung wurde es auf jeden Fall – schon wegen des verrückten Wetters. Die Temperaturen wechselten stark, aber insgesamt war es zu warm.

Abseits der Skipisten, die natürlich mit Kunstschnee präpariert waren, war der Schnee immer wieder angeschmolzen, von ständigen Regenschauern geglättet und dann wieder angefroren, so dass die Wege mit einer zentimeterdicken Eisschicht bedeckt waren.

Um mit Masha überhaupt gehen zu können, musste ich mir Spikes unter die Stiefel schnallen. Masha hat ja von Natur aus rutschfeste Sohlen und eingebaute Spikes – sowie Vierradbeinantrieb – kam also gut voran, aber für mich Zweibeiner mit hohem Schwerpunkt waren die Wanderungen auf spiegelglatten geneigten Ebenen schon eine ziemliche Herausforderung.

Gelegentlich musste Masha mir mittels Leine Hilfestellung geben, insofern war es gut einen großen und starken Hund dabei zu haben – und überhaupt bildeten wir ein gutes Team, dank ihrer konstanten Aufmerksamkeit, Kommunikationsvermögen und unbedingten Willen zur Zusammenarbeit. Aber das war ja dann auch der Zweck dieser Übung – Teamwork.

Waldlandschaft am Vasaloppsleden
Verlassene Siedlung auf der anderen Seite vom Västerdalälven

Deine Schwester hat das Skifahren natürlich superschnell gelernt, vielleicht auch mangels alternativer Beschäftigungen. Dazu gehörten natürlich auch – erwartungsgemäß – einige Stunden in der Notaufnahme zum Handgelenk-Röntgen. Aber es war nur verstaucht, alle Knochen sind heil geblieben – was sie allerdings bedauerte, denn so ein Knochenbruch und Gipsverband wäre eine echte Geschichte in der Schule gewesen.

Auf der Heimreise gerieten wir in heftigen Sturm, so dass sich das Auto kaum auf der Straße halten ließ. Bei einer Rast am Vänern war der Wind so stark dass man sich dagegen lehnen konnte, und die Wellen meterhoch. Kein Wort konnte man hören – gut dass Masha auch Handzeichen versteht.

Wieder zuhause, bereiten wir nun die Gartensaison vor. Außer einigen Nachtfrösten gibt es keinerlei Anzeichen von Winter mehr – und richtig Winter war es dieses Jahr ja überhaupt nicht.

Nach der Dürre haben wir nun Überschwemmungen – der See hat einen sehr hohen Wasserstand und an einigen Stellen hat er sich weit über seine übliche Uferlinie hinaus ausgebreitet, und teilweise sind auch die Waldwege überflutet.

Außerdem mussten im Wald viele Fichten gefällt werden, wegen Borkenkäfer-Befall, so dass entlang der Bingo-Runde – vor allem auf der linken Seite des Weges – einige Stellen jetzt völlig kahl sind. Du würdest den Weg kaum wiedererkennen.

Aber dazu dann nächstes Mal.

Am Ende des Weges

Lieber René,

dein Entschluss von uns zu gehen hat uns schwer getroffen und verwirrt.

Der erste Tag und die erste Nacht nachdem wir erfahren hatten was passiert war, waren am schlimmsten. Mein Hirn wollte nicht einsehen dass du nicht mehr nach Hause kommst. Immer wieder stand ich am Zaun und hielt Ausschau, überall wollte ich deine Jacke, dein Gesicht entdecken – und immer wieder die Enttäuschung, wie Messerstiche.

Ich habe deine Chats gefunden und lange darin gelesen, eine Erklärung gesucht – und nicht gefunden. Wie du ganz richtig schreibst, verstehe ich nicht. Es ist zu schwer.

Aber ich verstehe dass deine Entscheidung seit langem feststand, und du dich gründlich vorbereitet hast, recherchiert, geplant, so dass du nicht überleben konntest. Du hast alles getan deinen Plan vor uns zu verbergen, und auch niemandem sonst eine Chance gelassen dich zu hindern. Soweit sehe ich es ein, und respektiere es – auch wenn ich es noch lange Zeit nicht akzeptieren können werde.

Ich bin unendlich müde und erschöpft, konnte aber nicht mehr als ein, zwei Stunden ein wenig dösen. Sobald ich die Augen schloß, kamen die Sorgen. Wo bist du? Hast du Angst? Tut es weh? Also tappte ich im Dorf umher, ein wenig ziellos, nur auf der Suche nach traumlosem Schlaf – vergeblich.

Heute haben wir dich besucht, im Aufbahrungsraum. Mama, ich, deine beiden Schwestern. Es war gut dich zu sehen. Es sah aus als ob du schläfst, wie immer. Du schläfst gern lange. Wir lassen dich schlafen.

Nun weiss ich wo du bist. Keine Spur von Schmerz oder Angst in deinem Gesicht, eher beinahe ein Lächeln. Keine Gefahr. Das ist besser, nun haben sich meine Sorgen beruhigt, und die Verwirrung klart sich allmählich auf. Statt dessen hat sich eine tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit wie ein schwerer Schleier über mich gelegt.

Ich möchte traurig sein, es fühlt sich im Moment gut und richtig an.

Ich bin dankbar für diese vierzehn Jahre, aber ich wünsche mir mehr Zeit mit dir. Ich möchte noch lange weiter mit dir reden, es gibt noch viel zu erzählen und zu debattieren.

Ich habe mich deshalb entschlossen dir immer mal ein paar Zeilen zu schreiben, über uns, was wir so machen, wie es uns geht und was in der Welt so passiert – ich weiss dass dir das unlogisch und irrational vorkommen wird, aber so kann ich dir wenigstens mitteilen was du alles noch hättest miterleben sollen.

Dein Papa

Dags för några förändringar

So far, this blog has been written in a single language, which simply isn’t my reality. Fact is, my daily reality comes in at least three different languages.

Därför ska det nu skrivas på olika språk här, lite beroende på temat. Det kan förstås bli lite blandat här och där, så att alla har något att läsa – men varje tema kommer nog ha ett primärt språk, för det är just så jag har det.

Außerdem bin ich dabei das Erscheinungsbild und die Struktur des Blogs ein wenig zu überarbeiten, damit die Inhalte besser herüberkommen – vor allem auch auf kleineren Bildschirmen.

Schrumpfende Hunde

Dass Masha nach wie vor schnell wächst, merke ich vor allem daran dass alle anderen Hunde immer kleiner zu werden scheinen.

Es ist gerade mal vier Monate her dass sich Masha und Nachbar’s Nemo zum ersten Mal gegenüber standen, und da waren sie in etwa gleich groß. Inzwischen ist Nemo zu einem winzigkleinen Hündchen geschrumpft, kaum größer als Masha’s Kopf. Erst wenn sie sich flach vor ihm auf den Boden legt, sind sie etwa auf gleicher Augenhöhe. War er denn schon immer so klein? frage ich sein Frauchen ungläubig. Gibt’s doch gar nicht.

Ein anderer Hund dem wir regelmässig begegnen ist ein dreijähriger, deutlich übergewichtiger schwarzer Labrador Retriever. Als Masha zum ersten Mal mit ihm spielte, konnte sie aufrecht unter ihm durchlaufen. Ich hatte ihn immer als Anhaltspunkt für Masha’s zukünftige, endgültige Größe genommen, aber statt dessen ist er nun auf ihre Größe zusammengeschrumpft – jedenfalls was Höhe und Länge betrifft. Er ist allerdings erheblich dicker und runder als Masha, und fast doppelt so schwer.

Inzwischen hat Masha das Schwimmen für sich entdeckt.

Ja, ich weiß, es ist Januar und an manchen Tagen bedeckt eine dünne Eisschicht den See – aber das schreckt sie nicht ab. Vielmehr war es so dass sie immer nur so weit ins Wasser ging wie sie Boden unter den Füßen hatte.

Wir sind oft mit Bamse am See, und Bamse ist ein begeisterter Schwimmer, solange die Herausforderung stimmt. Ein Stock, kaum fünf Meter vom Ufer entfernt, bringt bestenfalls ein Stirnrunzeln und gelangweiltes Gähnen. Wirft man den Stock aber mit aller Kraft weit hinaus auf den See, dann ist der Große sofort im Wasser und rettet den Stock.

Dabei arbeiten die beiden Hunde meist zusammen. Bamse schwimmt hinaus und holt den Stock zurück bis er wieder Boden unter den Pfoten spürt, und übergibt ihn dort Masha, die ihn weiter zurück an Land transportiert.

Vor ein paar Tagen änderte sich diese Routine ganz plötzlich.

Der Stock platschte weit draußen ins Wasser – und alle schauten zu Bamse. Der machte drei Schritte in Richtung Wasser, und hatte das Ufer gerade verlassen als plötzlich ein kleiner, brauner Torpedo an ihm vorbeisauste, schnurgerade auf den Stock zu, den ganzen Weg hin, eine Kehrtwende auf der Stelle mit rotierendem Schwanz und Stock im Maul, und wieder zurück bis ans Ufer.

Masha total begeistert von sich selbst, und Bamse, am Ufer erstarrt, den Blick aufs Wasser geheftet, verwirrt. Was ist denn nun los? Und wo ist der Stock hin?

Noch einmal zum Mitschreiben. Den Stock wieder raus aufs Wasser, Bamse schaut hinterher, und wieder schießt Masha an ihm vorbei, holt den Stock und liefert ihn bei mir ab. Wieder ein Freudentanz von ihr, und ein verwirrter Blick von Bamse. Hä? Langsam und hörbar klicken die Zahnrädchen in seinem großen Kopf…Skepsis in seinem Blick. Was ist das für ein Hund, und was habt ihr mit Masha gemacht?

Und noch einmal. Masha will gar nicht aufhören. Bamse wendet sich ab, trottet ein paar Meter vom Ufer weg und setzt sich, starrt in die Ferne.

Auch er geschrumpft, der große Golden Retriever der seiner kleinen Masha immer so bereitwillig und geduldig die Stöcke aus dem Wasser holte. Jetzt schwimmt sie ihm davon. Wirft ihn um wenn sie ihn in ihrer Begeisterung anspringt. Holt ihn ein wenn er in seinem eleganten Galopp über die Wiese donnert, beißt ihm in den Hintern, und grinst ihn an: Na, was jetzt, Großer? Spielst du noch mit?

Ich muss lachen – vor allem über ihr Augenzwinkern. Sie zwinkert nämlich mit beiden Augen, aber nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd. Das ist ansteckend – ich habe mich schon ein paar Mal selbst dabei ertappt es ihr als Antwort nachzumachen, woraufhin sie jedesmal meine Nase mit ihrer anstupst.

Was sage ich da? Meine Nase mit ihrer…? Ja, tatsächlich. Offenbar bin ich auch geschrumpft.

2020 AD

Ein gewisser Vierzehnjähriger versucht mir weiszumachen dass in ein paar Tagen ein neues Jahrzehnt der Zeitrechnung AD (anno domini) beginnt, und so klingt es tatsächlich auch in den Medien.

Nun kennt die Zeitrechnung AD aber kein Jahr 0 – das erste Jahrzehnt umfasste also nicht die Jahre 0 bis 9, sondern 1 bis 10.

Das zweite Jahrzehnt AD begann demnach mit dem Jahr 11 und endete mit dem Jahr 20, und so weiter – und folglich begann das laufende zweihunderterste Jahrzehnt AD mit dem Jahresanfang 2011 und endet am 31.12.2020.

Das neue Jahrzehnt AD beginnt daher erst am 01.01.2021. Mathematisch gesehen also, aber wen kümmert das schon…schliesslich feierten wir den Anfang des dritten Jahrtausends AD auch ein Jahr zu früh.

Und genau genommen begann die Zeitrechnung AD auch nicht mit dem Jahr 1, sondern mit dem Jahr 532 – und auch diese Zahl war seinerzeit einfach eine Behauptung die auf einer (vermutlich recht guten) Schätzung beruhte.

Wenn die Behauptung dass das laufende Jahrzehnt AD in der kommenden Woche zu Ende geht also falsch ist, warum ist sie dann so relevant?

Jahreszahlen-Mystik im Zeichen der Hoffnung? Können wir die zermürbende Gegenwart endlich hinter uns lassen, und mit der Zukunft anfangen in der es uns allen und unserer Welt besser ergehen wird?

Konnten wir das jemals zuvor?

Oder ist es vielmehr die Suche nach einem Abschluß, nach Distanz, um zurückblicken und reflektieren zu können, das Erlebte zu begreifen und Sinn darin zu finden? Begreifen mittels Zuordnen eines Begriffs – ”die 2010er” also?

Das trifft wohl eher den Kern der Sache – und in diesem Sinne bin ich gewillt über die mathematischen Feinheiten hinwegzusehen und den zurückliegenden zehn Jahren einen Namen zu geben und sie damit ein bisschen weiter von uns wegzurücken.

Mögen sie lehrreich sein und Staub ansetzen, die 2010er.

Advent

Es ist Advent – der Endspurt zur Wintersonnenwende hat begonnen.

Der November war der trübste in unserer Gegend seit es Aufzeichnungen darüber gibt. Fünfzig bis sechzig Sonnenstunden sind der Durchschnitt für diesen Monat – dieses Mal gab es nur zehn.

Aber kaum war der Monat zuende, brach die dichte Wolkendecke auf und die Sonne kam heraus, und es wurde ein Bilderbuch-Adventssonntag: Windstille, klare, eiskalte Luft und eine dünne Schicht knirschenden Schnees unter den Stiefeln.

Die alte Eisenbahnbrücke im Hinsaryd Göl – mal im richtigen Licht

Plötzlich war die Landschaft überhaupt nicht mehr grau und trist, sondern richtig einladend – und so wurde der traditionelle Adventsspaziergang ein ausgedehnter solcher.

Auf dem Heimweg trafen wir dann auch noch auf Bamse, und die Hunde tobten noch eine Weile am – und im – Wasser herum. Natürlich gelang es dem Großen nicht die ins Wasser geworfenen Schneebälle zu apportieren. Egal wie sicher er sie aufsammelte, waren sie doch bei der Landung immer auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Ein Menschen-Scherz, den er einfach nicht durchschaute. Aber Spaß hat’s ihm trotzdem gemacht, und reichlich Lob und Belohnungshäppchen gab es ja auch.

Mascha scheut zwar nicht das Wasser, will aber immer noch Boden unter den Füßen haben. Außerdem holt Bamse ja jedes unerreichbare Spielzeug aus dem Wasser und bringt es zu ihr – ein richtiger Held und Kavalier.

Am Nachmittag war es dann soweit: Zeit den Stollen anzuschneiden.

Unser traditioneller Marzipan-Stollen

Diesen hatte ich schon Anfang November gebacken, und dann durfte er noch ein paar Wochen reifen. Rezepte dafür gibt’s ja jede Menge, unser hauseigenes behalte ich deshalb für mich. Aber von seinem Geschmack darf ich ruhig schwärmen…darauf freue ich mich jedes Jahr wieder.

Aber ein anderes Rezept kann ich mal zum Besten geben, nämlich gegrillte Hühnerbruststreifen als besondere Belohnungen für den Hund.

Eigentlich ist das gar kein Rezept – ich schneide einfach ein Hühnerbrustfilet in Streifen und grille diese eine Viertelstunde im Ofen, und anschließend trockne ich sie in der Heißluft bei etwa 120°C für weitere 15 bis 20 Minuten. Das Resultat sind dann weiche, aber dennoch trockene kleine Stückchen, die man ganz leicht mit den Fingern zerteilen kann.

Gegrillte Hühnerbrust – ein Snack für Hund und Mensch

Damit habe ich den Rückruf-Doppelpfiff für Masha – und neuerdings auch Bamse – absolut unwiderstehlich gemacht. Und das Gute dabei ist: die schmecken nicht nur dem Hund, sondern seinem Menschen ebenso – und sind vielseitig verwendbar (z.B. im Salat, oder als Brotbelag, oder als Fingerfood mit Chili-Dip).

Im Kühlschrank halten sie sich eine gute Woche – vorausgesetzt man hält sie trocken…und von Hunden fern. Fallen sie einem nämlich in der Gegenwart des Hundes aus der Hand, erreichen sie niemals den Boden 😉

Nass, kalt, dunkel

Mit weniger als sieben Stunden schwachen Tageslichts nähert sich das Jahr seinem absoluten Tiefpunkt. Lautloser feiner Sprühregen wird von Windböen in alle Richtungen getrieben und dringt durch die feinsten Ritzen.

Ein Blick nach vorn bringt einen nasskalten Schauer ins Gesicht, und Wassertropfen auf den Wimpern lassen die Landschaft verschwimmen.

Die Leute sind mürrisch, haben es eilig, die Kragen hochgeschlagen, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. In allen Fenstern stehen Lampen, um die monströse Dunkelheit auszusperren. Wer nicht raus muss, der bleibt im Haus, und kriecht unter eine Decke.

Wenn man dann so ins Kaminfeuer starrt, mit einem weichen, warmen Hund neben sich der sich in seiner ganzen Länge ankuschelt und selig vor sich hin schnarcht – wie kann man da seine Gedanken fest- und die Augen offenhalten? Recht hat der Teddybär…lass es uns verschlafen, der nächste Frühling kommt bestimmt.

Wir bleiben im Hafen

Ein unerwarteter Sonnen-Sonntag – mitten im November – brachte einen langen Spaziergang, zusammen mit Bamse. Mit ihren wilden Waldabstechern legten die Hunde dabei locker das Dreifache der nominal drei Kilometer langen Strecke zurück.

Bei diesem wilden Herumtoben in schwierigem Gelände hat Masha sich die linke Vorderhand verstaucht – und so sind wir nun, wieder bei bestem Twilight-Wetter, für ein paar Tage mehr oder weniger ans Haus gebunden.

Bootshafen am See

Wir beschränken uns auf kurze seeseitige Rundgänge, mit durch kurze Leine erzwungener Ruhe, und halten uns ansonsten meist an Masha’s Lieblingsplatz auf: der Küche – was, aus genetischen Gründen, die Laune des Hundchens nicht nur über Wasser hält, sondern um die Mahlzeiten herum regelrecht abheben lässt.

Dort gibt es heute einen November-Klassiker: gebratenen Rosenkohl.

Dieser hat nämlich gerade Saison – eine der letzten Gemüse-Ernten im Gartenjahr. Die einzigen anderen Gemüsesorten die noch stehen sind Grün- und Schwarzkohl, und auch von diesen hole ich heute ein paar Blätter.

Für meine Version dieses bekannten Spätherbst-Rezeptes brauchen wir:

  • ca. 500g frischen Rosenkohl
  • ca. 50-100g Schwarzkohl (Grünkohl geht auch)
  • ein kleines Stück Kohlrübe, ca. 50g
  • eine Knoblauchzehe
  • Olivenöl
  • 1 EL Butter
  • 1 TL Salz
  • 150g Feta
  • eine Apfelsine
  • Pfeffer aus der Mühle

Zunächst schneide ich die Röschen vom Stamm und halbiere sie. Der Schwarzkohl wird kleingeschnitten und blanchiert, und der Knoblauch fein gehackt. Aus dem Kohlrübenstück schneide ich kleine streichholzdünne Streifen – oder heute zur Abwechslung mal Würfel.

Als nächstes erhitze ich das Öl in einer Pfanne, und gebe die Butter hinein. Sobald die Butter geschmolzen ist, gebe ich den Rosenkohl dazu und brate ihn etwa fünf Minuten, bis er ein wenig weich zu werden beginnt.

Dann gebe ich den Schwarzkohl, den Knoblauch und die Kohlrübenstücke dazu, streue das Salz darüber, und brate das Ganze noch weitere zehn Minuten bei mittlerer Hitze.

Anschließend alles in eine Schüssel geben, die gewürfelte Apfelsine dazu, den Feta darüber zerkrümeln, ein paar extra Tropfen Olivenöl und zwei, drei Runden mit der Pfeffermühle, durchmischen – und servieren! Schmeckt am besten warm, ist aber auch kalt genießbar.

Statt der Apfelsine kann man auch Granatapfelkerne (wunderschöne Optik), oder Apfelstücke nehmen – ganz wie man mag. Der gebratene Rosenkohl geht gut mit jeder Sorte Brot, zum Beispiel ein helles Baguette.

Übrigens – wer Kohl nicht gut verträgt und darauf mit starken Blähungen reagiert: einfach häufiger kleinere Mengen davon essen, um die Darmflora daran zu gewöhnen. Na ja – und immer raus mit den Gasen 🙂 …ein Spaziergang hilft dabei.

Verkehrte Welt

Heute machte Masha einen Ausflug in die Stadt.

Für ein Hundekind dass auf dem Lande aufwächst und tagein, tagaus die Wildnis durchstreift, ist diese Umgebung unfassbar. Überwältigend. Absurd.

Harter Untergrund, enge Wege – ein Labyrinth aus hohen, undurchsichtigen Mauern die es unmöglich machen Bezugspunkte für die Orientierung zu finden.

Hunderte von Stimmen, tausende Beinpaare, und Millionen unbekannter Gerüche. Beständiger Lärm. Es ist schwierig die Quellen von interessanten Geräuschen zu lokalisieren, ein Geschehen länger als ein paar Sekunden zu beobachten, einer Duftspur zu folgen ohne gleich wieder von der Leine gebremst zu werden weil ein zwei- oder vierrädriges Fahrzeug vorbeiprescht.

Die Vögel verhalten sich merkwürdig. Sie fliehen nicht – sondern kommen heran. Eine Dohle starrt sie aus nicht mal einem Meter Entfernung erwartungsvoll an. Masha weicht zurück. Irgendetwas stimmt mit diesen Vögeln nicht. Hallo? Ich bin ein Hund! Wo ist euer Wächter? Wieso kommt kein Warnruf? Wieso flattert ihr nicht weg?

Es gibt viele Hunde hier. Aber die sind stocklangweilig, gehen brav bei Fuß, bewegen sich nur auf Kommando – Steh, Geh, die Augen links – wie Maschinen. Sie würdigen uns keines Blickes. Masha schaut mich fragend an: ist das ein Hund? Sieht aus wie ein Hund, nur kleiner, riecht auch wie ein Hund – schaut aber nicht herüber, rührt sich nicht aus seiner Bahn, nicht mal ein Schwanzwedeln zum Gruß.

Die größte Herausforderung jedoch ist der Müll. Die Stadt ist voll davon. Masha ist überwältigt von diesem ungeheuren Reichtum, und beginnt jedes Detail zu untersuchen.

Ausgespuckte Kaugummis, Glasscherben, halbvolle Chipstüten, Zigarettenstummel, Reste von Zeitungen und Plakaten und andere Papierfetzen, Plastetüten, Teile einer Styroporverpackung, Plasteflaschen, Getränkedosen, eine interessant riechende Papiertüte mit einem bogigen M, unidentifizierbare rote Brückstücke aus Plaste…und da sind wir noch keine fünfzig Meter gelaufen.

Am Hafen findet sie einen toten Fisch auf dem Steg. Masha springt zwei Schritte rückwärts. Sieht essbar aus – riecht aber abstoßend, sogar für einen Hund. Und das will was heißen…

Inmitten dieser Müllhalde sehe ich mich tun was jeder brave Hundehalter tut. Masha hat auf einem der wenigen müllfreien Flecken Gras einen großen Haufen gemacht.

Ich zögere einen Moment. Ich bin geneigt diesen perfekten, olivgrün-brauen Kringel mit seinem eleganten Zipfel, dieses Musterbeispiel von umweltverträglichem Endprodukt – das einzige weit und breit das definitiv und schnell biologisch abbaubar ist – aus schierem Protest einfach liegen zu lassen.

Aber an absurden Plätzen tut man absurde Dinge – also krame ich seufzend die obligatorische Tüte hervor und sammle das Kunstwerk ein, um es in den erstaunlich leeren, mit einer schwarzen Plastetüte ausgekleideten Mülleimer am Rande der Parkanlage zu werfen. Eine fast obszöne Handlung.

Wir verlassen die Stadt und fahren zurück, mit Zwischenstopp am Ostseebad. Es gießt in Strömen. Leine ab, und dann rennt sie los. Sand, Wasser, Vogelkacke, meterhohes Schilf. Ein paar Enten flüchten, laut kreischend und zeternd. Normalität hat uns wieder.

Die halbe Meile

Ich fahre mal fort mit ein paar Ortsansichten, aufgenommen wieder mal bei einem Spaziergang mit Masha.

Dass die Bilder etwas grau und düster wirken ist eine korrekte Abbildung der Wirklichkeit – es ist November, und da gibt es nicht gerade viel Tageslicht hier. Zudem ist der Himmel permanent wolkenverhangen, was die Stimmung noch etwas düsterer macht – aber auch das ist für diese Jahreszeit völlig normal.

Unsere Mittagsrunde am Dienstag führte zur alten Eisenbahnbrücke am Hinsaryd Göl, weiter nach Sandslätt und dann am Riksväg 125 entlang wieder zurück – eine schöne Runde von ungefähr fünf Kilometern, also eine halbe schwedische Meile.

Der Weg beginnt an der neuen Feuerwache, mit der jungen, bildschönen Roßkastanie davor – eine in dieser Gegend eher seltene Baumart.

Die neue Feuerwache von Alsterbro

Vor gut einem Jahrhundert verliefen hier noch Gleise – auf dem Bild oben sieht man hinter der Wache schon die Dachspitzen des ehemaligen Bahnhofsgebäudes.

Das Empfangsgebäude des vormaligen Bahnhofs – ein imposantes Bauwerk für einen so kleinen Ort. Steht schon lange leer und ungenutzt.

Von der Feuerwache aus marschieren wir Richtung Südosten, in etwa der ehemaligen Eisenbahnlinie folgend. Dabei kreuzen wir die Stammleitung Südost, das Rückgrat der regionalen Stromversorgung.

Hochspannungsleitungen kurz hinter dem Ortsende

Nicht weit davon befindet sich die örtliche Wasseraufbereitungsanlage, mit biologischem Reinigungswerk.

Im Frühjahr wurden hier Glasfaserkabel verlegt, und bei dieser Gelegenheit auch ein schon lange defektes Ventil an der Wasserhauptleitung endlich ausgetauscht. Um die Wasserversorgung des Orts sicherzustellen, wurde hier zeitweilig Wasser aus Tanks eingespeist.

Wasseraufbereitungsanlage mit biologischem Reinigungswerk

Hinter dem Wasserwerk folgen wir wieder der ehemaligen Bahnlinie, die heute nur noch ein – entsprechend schnurgerader – Waldweg ist. Dieser etwa einen Kilometer lange Weg ist die kürzeste Verbindung zwischen Alsterbro und Sandslätt: eben, wetterfest, weit abseits der Landstraße, und daher die bevorzugte Strecke für Fußgänger und Radfahrer.

Der Weg führt quer durch das Hinsaryd Göl, einem Sumpfgebiet mit einem kleinen See entlang des Alsterån (= des Flusses ”Alster”).

Am Hindaryd Göl, Westseite des Weges
Hinsaryd Göl, Blick nach Osten zum Kraftwerk

Dort wo der Weg den Fluß kreuzt, befindet sich eine hübsche eiserne Bogenbrücke, die daran erinnert dass der heutige Waldweg einst eine Bahnstrecke war.

Alte Eisenbahnbrücke

Östlich der Eisenbahnbrücke sieht man das Wehr des örtlichen Kraftwerks.

Kraftwerk Sandslätt

Dieses Kraftwerk versorgte einmal eine Möbelfabrik und die zugehörige Arbeitersiedlung, die wir kurz nach der Brücke erreichen.

Die ehemalige Möbelfabrik in Sandslätt

Die Fabrik wurde schon vor Jahrzehnten aufgegeben – steht aber noch voller Maschinen und halbfertiger Möbel. Sieht man über den natürlichen Verfall hinweg, sieht es aus als wäre die Belegschaft nur auf einem Betriebsausflug und würde die Arbeit morgen wieder aufnehmen.

Entlang der Zufahrtsstraße zur Möbelfabrik erstreckt sich die Siedlung Sandslätt.

Sandslätt, Barklunds Väg, Blick von der Möbelfabrik nach Westen
In Sandslätt, Rosenströmsvägen

Von Sandslätt aus marschieren wir entlang des Riksväg 125 (Landstraße) in nördlicher Richtung zurück nach Alsterbro, vorbei an der Siedlung Hinsaryd.

In Alsterbro überqueren wir die Alsterbrücke, die unserem Ort seinen Namen gab. Wie früher schon einmal erwähnt, befindet sich auch hier ein Wehr samt Kraftwerk, das allerdings schon lange stillgelegt ist.

Ehemaliges Kraftwerk an der Alsterbrücke, Generatorhaus und Arbeitskanal

Es gibt hunderte solcher kleinen, lokalen Wasserkraftwerke im ganzen Land – aber nur wenige die noch in Betrieb sind. Einige davon werden als Museum erhalten und gepflegt, andere sind dem Verfall ausgeliefert.

Dezentrale Stromversorgung war einst Standard – aber der Betrieb und Unterhalt eines solchen kleinen Kraftwerks ist aufwändig, während seine Leistung für den heutigen Energiebedarf viel zu gering ist.

Außerdem schaden die Wehre der Artenvielfalt im und um den Fluss sowie einigen einheimischen Fischarten. Vor allem verschlimmern sie, jeweils flussabwärts, das Problem der extrem niedrigen Wasserstände bei anhaltender Trockenheit – die in den letzten Jahren immer häufiger auftritt.