I främmande farvatten

Hallo René,

die Welt ist im Augenblick ein sehr seltsamer Ort. Einerseits ist nichts mehr wie es noch vor einem Jahr war, und andererseits ist es sich doch gleich.

Ich habe den Sonntag weitgehend im Garten zugebracht. Der Frühling ist, trotz Nachtfrösten, nicht mehr zu übersehen oder zu überhören. Überall sprießen Frühlingsblumen, Hummeln und Bienen summen herum, die Obstbäume sind übersät mit dicken Blütenknospen und die Vögel zwitschern ihr Frühjahrskonzert von überall her. Die Sonne scheint, ich bereite die Beete vor und säe aus. Wie jedes Jahr.

Und dann doch eben nicht wie jedes Jahr.

Mein Blick geht hinauf zu deinem Fenster, aber du bist eben nicht mehr da. Es ist Zeit das Boot ins Wasser zu bringen, aber wir können ja nicht mehr zusammen angeln fahren. Ich hab Kohlrouladen gemacht, und nun sind noch ziemlich viele übrig, denn du isst ja keine mehr. Ganz egal was der Tag bringt, immer ist dein Platz darin leer – und ich weiß nicht was ich mit diesem leeren Platz anfangen soll.

Es ist auch schwerer geworden darüber zu sprechen. Ich habe ja schon alles gesagt, wiederhole mich nur – und bekomme entsprechend auch immer dieselben Antworten, nur immer kürzer. Du fehlst mir so sehr. Es ist ein bisschen wie Heimweh, nur dass das Zuhause nach dem ich mich sehne in der Vergangenheit liegt und da komme ich nie wieder hin. So ist mir die Welt fremd, und doch gleichzeitig vertraut.


Die Virus-Pandemie ist immer noch auf dem Vormarsch. Jetzt gibt es im Konsum Abstandsmarkierungen auf dem Boden, damit man anderen Kunden nicht so nahe kommt dass man die COVID-19 getaufte Krankheit übertragen könnte.

Diese SARS-CoV-2 Viren sind eine interessante Sache – winzige RNA-gefüllte Proteinkapseln, ummantelt von einer Hülle aus Fett (die sich leicht mit gewöhnlicher Handseife zerstören lässt).

Sie sind kleiner als die Wellenlänge sichtbaren Lichts, und deshalb mit gewöhlichen Lichtmikroskopen unsichtbar: in einem Rechenkästchen mit fünf Millimetern Kantenlänge hätten 2.5 Milliarden Coronaviren Platz.

Ein Virus ist nichts anderes als ein codierter Befehl an eine lebende Zelle genau dieses Virus massenhaft herzustellen. Viren sind somit identisch mit ihrer Wirkung auf die Wirtszelle – und haben darüber hinaus keinerlei eigene Lebensfunktionen.

Andererseits sind Viren aber auch Dämonen, deren Werk weit über die mikroskopische Botschaft hinausgeht – sie lenken mitunter das Schicksal von ganzen Arten: sie können Arten, ihre Lebensweise und ihren Lebensraum dauerhaft verändern, und diese Makrowirkung ist das eigentliche Wesen der Viren.