Am Ende des Weges

Lieber René,

dein Entschluss von uns zu gehen hat uns schwer getroffen und verwirrt.

Der erste Tag und die erste Nacht nachdem wir erfahren hatten was passiert war, waren am schlimmsten. Mein Hirn wollte nicht einsehen dass du nicht mehr nach Hause kommst. Immer wieder stand ich am Zaun und hielt Ausschau, überall wollte ich deine Jacke, dein Gesicht entdecken – und immer wieder die Enttäuschung, wie Messerstiche.

Ich habe deine Chats gefunden und lange darin gelesen, eine Erklärung gesucht – und nicht gefunden. Wie du ganz richtig schreibst, verstehe ich nicht. Es ist zu schwer.

Aber ich verstehe dass deine Entscheidung seit langem feststand, und du dich gründlich vorbereitet hast, recherchiert, geplant, so dass du nicht überleben konntest. Du hast alles getan deinen Plan vor uns zu verbergen, und auch niemandem sonst eine Chance gelassen dich zu hindern. Soweit sehe ich es ein, und respektiere es – auch wenn ich es noch lange Zeit nicht akzeptieren können werde.

Ich bin unendlich müde und erschöpft, konnte aber nicht mehr als ein, zwei Stunden ein wenig dösen. Sobald ich die Augen schloß, kamen die Sorgen. Wo bist du? Hast du Angst? Tut es weh? Also tappte ich im Dorf umher, ein wenig ziellos, nur auf der Suche nach traumlosem Schlaf – vergeblich.

Heute haben wir dich besucht, im Aufbahrungsraum. Mama, ich, deine beiden Schwestern. Es war gut dich zu sehen. Es sah aus als ob du schläfst, wie immer. Du schläfst gern lange. Wir lassen dich schlafen.

Nun weiss ich wo du bist. Keine Spur von Schmerz oder Angst in deinem Gesicht, eher beinahe ein Lächeln. Keine Gefahr. Das ist besser, nun haben sich meine Sorgen beruhigt, und die Verwirrung klart sich allmählich auf. Statt dessen hat sich eine tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit wie ein schwerer Schleier über mich gelegt.

Ich möchte traurig sein, es fühlt sich im Moment gut und richtig an.

Ich bin dankbar für diese vierzehn Jahre, aber ich wünsche mir mehr Zeit mit dir. Ich möchte noch lange weiter mit dir reden, es gibt noch viel zu erzählen und zu debattieren.

Ich habe mich deshalb entschlossen dir immer mal ein paar Zeilen zu schreiben, über uns, was wir so machen, wie es uns geht und was in der Welt so passiert – ich weiss dass dir das unlogisch und irrational vorkommen wird, aber so kann ich dir wenigstens mitteilen was du alles noch hättest miterleben sollen.

Dein Papa