Schrumpfende Hunde

Dass Masha nach wie vor schnell wächst, merke ich vor allem daran dass alle anderen Hunde immer kleiner zu werden scheinen.

Es ist gerade mal vier Monate her dass sich Masha und Nachbar’s Nemo zum ersten Mal gegenüber standen, und da waren sie in etwa gleich groß. Inzwischen ist Nemo zu einem winzigkleinen Hündchen geschrumpft, kaum größer als Masha’s Kopf. Erst wenn sie sich flach vor ihm auf den Boden legt, sind sie etwa auf gleicher Augenhöhe. War er denn schon immer so klein? frage ich sein Frauchen ungläubig. Gibt’s doch gar nicht.

Ein anderer Hund dem wir regelmässig begegnen ist ein dreijähriger, deutlich übergewichtiger schwarzer Labrador Retriever. Als Masha zum ersten Mal mit ihm spielte, konnte sie aufrecht unter ihm durchlaufen. Ich hatte ihn immer als Anhaltspunkt für Masha’s zukünftige, endgültige Größe genommen, aber statt dessen ist er nun auf ihre Größe zusammengeschrumpft – jedenfalls was Höhe und Länge betrifft. Er ist allerdings erheblich dicker und runder als Masha, und fast doppelt so schwer.

Inzwischen hat Masha das Schwimmen für sich entdeckt.

Ja, ich weiß, es ist Januar und an manchen Tagen bedeckt eine dünne Eisschicht den See – aber das schreckt sie nicht ab. Vielmehr war es so dass sie immer nur so weit ins Wasser ging wie sie Boden unter den Füßen hatte.

Wir sind oft mit Bamse am See, und Bamse ist ein begeisterter Schwimmer, solange die Herausforderung stimmt. Ein Stock, kaum fünf Meter vom Ufer entfernt, bringt bestenfalls ein Stirnrunzeln und gelangweiltes Gähnen. Wirft man den Stock aber mit aller Kraft weit hinaus auf den See, dann ist der Große sofort im Wasser und rettet den Stock.

Dabei arbeiten die beiden Hunde meist zusammen. Bamse schwimmt hinaus und holt den Stock zurück bis er wieder Boden unter den Pfoten spürt, und übergibt ihn dort Masha, die ihn weiter zurück an Land transportiert.

Vor ein paar Tagen änderte sich diese Routine ganz plötzlich.

Der Stock platschte weit draußen ins Wasser – und alle schauten zu Bamse. Der machte drei Schritte in Richtung Wasser, und hatte das Ufer gerade verlassen als plötzlich ein kleiner, brauner Torpedo an ihm vorbeisauste, schnurgerade auf den Stock zu, den ganzen Weg hin, eine Kehrtwende auf der Stelle mit rotierendem Schwanz und Stock im Maul, und wieder zurück bis ans Ufer.

Masha total begeistert von sich selbst, und Bamse, am Ufer erstarrt, den Blick aufs Wasser geheftet, verwirrt. Was ist denn nun los? Und wo ist der Stock hin?

Noch einmal zum Mitschreiben. Den Stock wieder raus aufs Wasser, Bamse schaut hinterher, und wieder schießt Masha an ihm vorbei, holt den Stock und liefert ihn bei mir ab. Wieder ein Freudentanz von ihr, und ein verwirrter Blick von Bamse. Hä? Langsam und hörbar klicken die Zahnrädchen in seinem großen Kopf…Skepsis in seinem Blick. Was ist das für ein Hund, und was habt ihr mit Masha gemacht?

Und noch einmal. Masha will gar nicht aufhören. Bamse wendet sich ab, trottet ein paar Meter vom Ufer weg und setzt sich, starrt in die Ferne.

Auch er geschrumpft, der große Golden Retriever der seiner kleinen Masha immer so bereitwillig und geduldig die Stöcke aus dem Wasser holte. Jetzt schwimmt sie ihm davon. Wirft ihn um wenn sie ihn in ihrer Begeisterung anspringt. Holt ihn ein wenn er in seinem eleganten Galopp über die Wiese donnert, beißt ihm in den Hintern, und grinst ihn an: Na, was jetzt, Großer? Spielst du noch mit?

Ich muss lachen – vor allem über ihr Augenzwinkern. Sie zwinkert nämlich mit beiden Augen, aber nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd. Das ist ansteckend – ich habe mich schon ein paar Mal selbst dabei ertappt es ihr als Antwort nachzumachen, woraufhin sie jedesmal meine Nase mit ihrer anstupst.

Was sage ich da? Meine Nase mit ihrer…? Ja, tatsächlich. Offenbar bin ich auch geschrumpft.