Monat: November 2019

Die halbe Meile

Ich fahre mal fort mit ein paar Ortsansichten, aufgenommen wieder mal bei einem Spaziergang mit Masha.

Dass die Bilder etwas grau und düster wirken ist eine korrekte Abbildung der Wirklichkeit – es ist November, und da gibt es nicht gerade viel Tageslicht hier. Zudem ist der Himmel permanent wolkenverhangen, was die Stimmung noch etwas düsterer macht – aber auch das ist für diese Jahreszeit völlig normal.

Unsere Mittagsrunde am Dienstag führte zur alten Eisenbahnbrücke am Hinsaryd Göl, weiter nach Sandslätt und dann am Riksväg 125 entlang wieder zurück – eine schöne Runde von ungefähr fünf Kilometern, also eine halbe schwedische Meile.

Der Weg beginnt an der neuen Feuerwache, mit der jungen, bildschönen Roßkastanie davor – eine in dieser Gegend eher seltene Baumart.

Die neue Feuerwache von Alsterbro

Vor gut einem Jahrhundert verliefen hier noch Gleise – auf dem Bild oben sieht man hinter der Wache schon die Dachspitzen des ehemaligen Bahnhofsgebäudes.

Das Empfangsgebäude des vormaligen Bahnhofs – ein imposantes Bauwerk für einen so kleinen Ort. Steht schon lange leer und ungenutzt.

Von der Feuerwache aus marschieren wir Richtung Südosten, in etwa der ehemaligen Eisenbahnlinie folgend. Dabei kreuzen wir die Stammleitung Südost, das Rückgrat der regionalen Stromversorgung.

Hochspannungsleitungen kurz hinter dem Ortsende

Nicht weit davon befindet sich die örtliche Wasseraufbereitungsanlage, mit biologischem Reinigungswerk.

Im Frühjahr wurden hier Glasfaserkabel verlegt, und bei dieser Gelegenheit auch ein schon lange defektes Ventil an der Wasserhauptleitung endlich ausgetauscht. Um die Wasserversorgung des Orts sicherzustellen, wurde hier zeitweilig Wasser aus Tanks eingespeist.

Wasseraufbereitungsanlage mit biologischem Reinigungswerk

Hinter dem Wasserwerk folgen wir wieder der ehemaligen Bahnlinie, die heute nur noch ein – entsprechend schnurgerader – Waldweg ist. Dieser etwa einen Kilometer lange Weg ist die kürzeste Verbindung zwischen Alsterbro und Sandslätt: eben, wetterfest, weit abseits der Landstraße, und daher die bevorzugte Strecke für Fußgänger und Radfahrer.

Der Weg führt quer durch das Hinsaryd Göl, einem Sumpfgebiet mit einem kleinen See entlang des Alsterån (= des Flusses „Alster“).

Am Hindaryd Göl, Westseite des Weges
Hinsaryd Göl, Blick nach Osten zum Kraftwerk

Dort wo der Weg den Fluß kreuzt, befindet sich eine hübsche eiserne Bogenbrücke, die daran erinnert dass der heutige Waldweg einst eine Bahnstrecke war.

Alte Eisenbahnbrücke

Östlich der Eisenbahnbrücke sieht man das Wehr des örtlichen Kraftwerks.

Kraftwerk Sandslätt

Dieses Kraftwerk versorgte einmal eine Möbelfabrik und die zugehörige Arbeitersiedlung, die wir kurz nach der Brücke erreichen.

Die ehemalige Möbelfabrik in Sandslätt

Die Fabrik wurde schon vor Jahrzehnten aufgegeben – steht aber noch voller Maschinen und halbfertiger Möbel. Sieht man über den natürlichen Verfall hinweg, sieht es aus als wäre die Belegschaft nur auf einem Betriebsausflug und würde die Arbeit morgen wieder aufnehmen.

Entlang der Zufahrtsstraße zur Möbelfabrik erstreckt sich die Siedlung Sandslätt.

Sandslätt, Barklunds Väg, Blick von der Möbelfabrik nach Westen
In Sandslätt, Rosenströmsvägen

Von Sandslätt aus marschieren wir entlang des Riksväg 125 (Landstraße) in nördlicher Richtung zurück nach Alsterbro, vorbei an der Siedlung Hinsaryd.

In Alsterbro überqueren wir die Alsterbrücke, die unserem Ort seinen Namen gab. Wie früher schon einmal erwähnt, befindet sich auch hier ein Wehr samt Kraftwerk, das allerdings schon lange stillgelegt ist.

Ehemaliges Kraftwerk an der Alsterbrücke, Generatorhaus und Arbeitskanal

Es gibt hunderte solcher kleinen, lokalen Wasserkraftwerke im ganzen Land – aber nur wenige die noch in Betrieb sind. Einige davon werden als Museum erhalten und gepflegt, andere sind dem Verfall ausgeliefert.

Dezentrale Stromversorgung war einst Standard – aber der Betrieb und Unterhalt eines solchen kleinen Kraftwerks ist aufwändig, während seine Leistung für den heutigen Energiebedarf viel zu gering ist.

Außerdem schaden die Wehre der Artenvielfalt im und um den Fluss sowie einigen einheimischen Fischarten. Vor allem verschlimmern sie, jeweils flussabwärts, das Problem der extrem niedrigen Wasserstände bei anhaltender Trockenheit – die in den letzten Jahren immer häufiger auftritt.

In den Wald hinaus

Wald ist unsere Landschaft.

Es gibt hier keinen „Waldrand“, sondern vielmehr einen Ortsrand – und ganz gleich in welche Himmelsrichtung man diesen überquert, dahinter ist überall Wald. Ein Ozean aus Bäumen. Hier geht man nicht in den Wald hinein, sondern in den Wald hinaus.

Pferdekoppel am Ortsrand

Die Baumwipfel sind der Horizont, ringsum, überall – und selbst wenn man auf einen hohen Turm steigt, ändert sich daran nichts. Menschliche Siedlungen verstecken sich zwischen den Bäumen – meist sind es einzelstehende Häuser, Gehöfte oder kleinere Waldsiedlungen, und nur selten dichtere, zusammenhängende Bebauung in Form von Dörfern.

Ortsrand, Straße nach Osten

Der größte Teil des Waldes ist bewirtschaftet, viele Bäume also jünger als hundert Jahre. Die typischen Wirtschaftsbäume sind Fichten und Birken.

Daneben gibt es aber auch viele Kiefern, die langsamer wachsen aber auch wiederstandsfähiger sind – sowie einige Lärchen und viele dicke Eichen. Letztere unterscheiden unseren Wald von der Taiga, in die er wenige hundert Kilometer weiter nördlich nahtlos übergeht.

Wie auf dem Ozean, so ist es auch im Wald leicht die Orientierung zu verlieren. Bewegt man sich abseits der wenigen Straßen, muss man, sofern man kein GPS Navigationsgerät mit sich führt, mittels Himmelsrichtung und Landmarken navigieren – beispielsweise anhand auffälliger Bäume oder Steine.

Meinem Hündchen Masha scheint diese Orientierung im Gelände angeboren zu sein – auch nach mehreren Kilometern kreuz und quer abseits aller Wege befolgt sie das Kommando „nach Hause“ prompt und zielsicher, ohne Richtungshinweis meinerseits.

Natürlich weiss sie dass „zuhause“ ein paar Stücke gekochte Hühnerbrust auf sie warten, also tut sie den Job auch gleich mit einer gewissen Begeisterung – im Sprint durch dichtes Unterholz, über Stock und Stein, durch Wasserlöcher und Gräben, mich klobigen und weit weniger trittsicheren Zweibeiner an der langen Leine immer hinter sich herschleifend.

Und tatsächlich erreichen wir nach einer Viertelstunde den Ortsrand – nicht ganz den Weg den wir gekommen waren, aber nah genug, an einer uns wohlbekannten und vertrauten Stelle. Na ja, an der Teamarbeit müssen wir noch ein bisschen feilen…aber ihr Orientierungssinn ist großartig.

Das „nach Hause“ Kommando entstand übrigens nicht durch gezieltes Training, sondern zufällig – ich habe am Ende unserer Spaziergänge immer betont dass es „nach Hause“ geht, und mich dann bei der Ankunft zuhause jedesmal mit einer kleinen Leckerei für ihre Begleitung bedankt. Erst später fiel mir auf dass sie ohne Zögern und Zwischenstops zügig und direkt nach Hause lief, wann immer ich diese Worte zu ihr sagte.

Ansonsten verwende ich ausschliesslich Handzeichen um anzuzeigen wo ich hingehen möchte – die sie mit erstaunlicher Genauigkeit befolgt. Ich muss also aufpassen wo genau ich hinzeige, denn sie geht dorthin wo ich zeige, nicht dorthin wo ich gehe. Aber bei „nach Hause“ brauche ich inzwischen kein Richtungszeichen mehr zu geben, selbst wenn wir einige Kilometer entfernt sind.

Mittwoch

Ein Novembermittwoch hat so was wie einen Tagesanbruch, aber von Sonnenaufgang kann um diese Jahreszeit keine Rede sein. Es ist kalt und windig, und vom Himmel fällt eine Mischung aus Regen, Schnee und nassem Laub.

Die sonst überwiegend grüne Landschaft ist nun hauptsächlich grau, die sonst trittfesten Waldwege sind zu kaum passierbaren Schlammpfaden geworden – durchsetzt von ausgedehnten, tiefen Pfützen die sich hier und da an den Fluss angeschlossen haben.

Für unsere Vormittagsrunde sind deshalb im Moment eine wasserdichte Jacke, ein australischer Lederhut und ein paar kniehohe Neoprenstiefel meine Standardkleidung – so kann ich mit Masha’s Fell einigermaßen mithalten. Das Hundchen stört sich nicht am Wetter – sondern nur an Langeweile, also im Haus bleiben geht nicht.

Wir maschieren heute etwas weiter flussabwärts, ein paar hundert Meter östlich des Sees, wo der Fluss in eine fast kreisrunde, etwa hundert Meter breite Erweiterung einmündet, bevor er wieder schmal wird und dann scharf nach Süden abknickt.

Aus der Luft betrachtet, sieht dieser Flussabschnitt aus wie eine überdimensionale Armbanduhr – und wird deshalb auch so genannt.

Klockehölje

Das Westende des „Uhrengehäuses“ (links im Bild) liegt ein paar Meter tiefer als der See – und entsprechend stark ist die Strömung dort in den Stromschnellen. Folgerichtig befand sich dort einst ein Wasserkraftwerk dass den Ort und seine Industrie mit Strom versorgte.

Die Stromschnellen am Ausfluss des Sees – bzw. die Brücke die darüber führt – markiert die Grenze zwischen den Gemarkungen Kråksmåla (nördlich) und Bäckebo (südlich).

Diese beiden Orte bzw. deren Kirchen sind jeweils ziemlich genau zehn Kilometer entfernt. In der Mitte zwischen den Orten gab es einst ein Landgut – hier wurden Handel und Handwerk betrieben und gemeinsame Feste gefeiert. Später kam Industrie dazu samt Wohnsiedlungen für die Arbeiter, feste Geschäfte, eine Schule, sogar eine Eisenbahnlinie mit Bahnhof.

Eisenbahn, Industrie und Kraftwerk gibt es hier aber schon lange nicht mehr, nur noch ein paar leere Gebäude – Reste einer Glashütte, einer Möbelfabrik, einer Färberei und zahlreicher kleiner Handwerksbetriebe die den Ort einmal begründet hatten. Die Wohnhäuser der Arbeiter blieben aber bis heute bewohnt, und auch die Schule hat sich erhalten.


Am späteren Nachmittag – wie immer mittwochs – machen wir dann einen Ausflug in die Reitschule – und Masha kommt mit. Hier gibt es immer viele Leute von denen man sich den Bauch kraulen lassen kann, und jede Menge zu inspizieren und zu beschnüffeln.

Pferde findet sie natürlich auch interessant – obwohl die Ausbildungs-Ponys eher etwas langweilig sind. Die meisten dieser Ponys haben schon viele Dienstjahre hinter sich, sind entsprechend erfahren und lassen sich vom Kindertrubel nicht aus der Ruhe bringen.

Im Ponystall

Susie, unser heutiges Trainingspony, ist noch etwas jünger, und studiert nach der Pflegerunde aufmerksam den kleinen schlappohrigen braunen Vierbeiner der da neugierig zu ihr heraufschaut.

Susie bei der Pflegerunde

Masha beobachtet gebannt wie Susie gemächlich eine Handvoll Heu mampft und probiert ebenfalls einen Halm zu knabbern – wendet sich dann aber lieber den verführerisch duftenden Pferdeäpfeln zu.

Diese Begeisterung der Hunde für die Ausscheidungen anderer Tiere ist gewöhnungsbedürftig – denn sie schnüffeln ja nicht nur daran, sondern fressen sie auch wenn man sie nicht daran hindert.

Pferdeäpfel – mit ihren vielen Fasern und keimtötenden Inhaltsstoffen – können dabei für den Hund durchaus nützlich und sogar gesund sein. Das Fressen derselben ist also evolutionäre Überlebensstrategie, und nicht Verfressenheit.

Aber leider gilt das eben nicht für jeden Pferdeapfel. Hat das Pferd beispielsweise Würmer oder andere Darmkrankheiten, oder wurde es kürzlich mit Medikamenten behandelt, dann kann es dem Hund unter Umständen schlecht ergehen. Vorsicht ist also geboten.

Landschaft

Dass es auf meiner Seite an Landschaftsbildern fehlt liegt vor allem daran dass ich nur selten welche mache.

Andererseits…wenn ich mir andere Blogs anschaue, ziehen mich vor allem diejenigen Bilder an, die mir die Umgebung des Autors zeigen. Manche Seiten sind dabei regelrechte Bilderpoesie, lassen mich reisen, den weit entfernten Ort erleben und erkunden, und in die Stimmung eintauchen.

Das möchte ich auch gern versuchen. Da das allerdings ein komplett neues Genre für mich ist, brauche ich noch ein bisschen Übung und Inspiration.

Was mir dabei wie gerufen kommt ist das ausgesprochen wanderfreudige Hündchen dass sich nun ständig an meiner Seite befindet, und das mich mindestens dreimal täglich auf einen ausgedehnten Spaziergang ausführt.

Unsere Morgenrunde ist (fast) immer dieselbe.

Der erste Checkpoint ist das alte Waschhaus am Nordostufer des Sees – etwa 200 Meter von unserem Haus entfernt.

Dort wurde früher (vor dem Zeitalter der Waschmaschinen) die Wäsche gewaschen – heute bewahrt die Schule dort ihre Ausrüstung für den Naturkunde-Unterricht auf, insbesondere zum Thema Binnengewässer.

Rund um das Häuschen befindet eine Platform die auf den See hinausragt, so dass der Unterricht direkt dort stattfinden kann. Und eben diese Plattform ist unser erster Anlaufpunkt am Morgen.

Am alten Waschhaus

Von dort aus wandern wir am Seeufer entlang. Um diese Jahreszeit liegen dort einige Ruderboote zur Winterruhe – denn der See friert in der Regel im Winter zu. Unser Boot liegt noch im Wasser, nicht weit vom Waschhaus, kommt aber im Laufe der nächsten Woche wahrscheinlich auch an Land.

Seeufer beim Waschhaus

Am Ende der letzten Eiszeit befand sich diese Gegend am Grunde eines riesigen Schmelzwassersees, von dem nach dem Durchbruch und Abfluss in die Nordsee nur noch die Ostsee übrig blieb (eigentlich ist es also der Ostsee, nicht die).

Daher ist die Landschaft nahezu durchgehend mit Feldbrocken bedeckt, alles von Kohlkopf- bis Hausgröße – und dazwischen und darüber befindet sich nur eine dünne Schicht sehr kargen Bodens, oder eben nach wie vor Wasser in der Form tausender kleinerer und größerer Seen.

Unser See gehört zu den kleineren. Er erstreckt sich etwa drei Kilometer in südwestlicher Richtung, und stellt eine Art natürliches Staubecken für den Alster-Fluss dar, der durch unseren Ort fließt. Dieses Becken ist sehr flach, mit einer maximalen Tiefe von etwa zwölf Metern, hat viele kleine Buchten, und in der Mitte des Sees besteht eine konstante langsame Strömung nach Nordosten.

Der Wasserstand des Sees variiert stark, und damit auch seine Uferlinie. Diese kleine Bucht war noch vor wenigen Wochen nur etwa zur Hälfte mit Wasser gefüllt, so dass das Boot links im Bild auf dem Trockenen lag und man in Blickrichtung der Kamera einfach gerade durchlaufen konnte:

Kleine Bucht am Campingplatz

Jetzt steht die Bucht wieder etwa einen halben Meter unter Wasser. Hier haben Masha und ich letzte Woche einen Hecht entdeckt – und hatten ihn auch schon einmal an der Angel. Aber in so flachem Wasser ist ein Hecht schwer zu bergen, konnte sich ein paar Meter vor dem Ufer doch wieder losreissen und hielt sich dann erstmal außer Reichweite.

Heute morgen haben wir ihn aber wieder gesichtet – oder vielmehr die typische Bugwelle die seine Bewegung auf dem dank Windstille spiegelglatten Wasser erzeugte. Vielleicht versuchen wir am Wochenende noch mal ihn zu fangen.

Huch – da ist ein Hund im Wasser!

Von der kleinen Bucht aus gehen wir dann zu dem großen Apfelbaum am Fussballplatz. Dort gab es in diesem Jahr viele Äpfel, so dass wir fast jeden Morgen mit vollen Taschen heimkehrten. Nun ist der Baum kahl und leer, aber trotzdem besteht Masha auf diesem Zwischenstopp um den Boden nach Äpfeln abzusuchen.

Heute morgen überraschten wir dort ein Wildkaninchen, dass Hals über Kopf in Richtung See floh. Bis meine Kamera zur Hand war, war das Kaninchen aber schon hinter dem Servicehaus verschwunden.

Servicehaus am Fussballplatz

Nach dem Mittagessen ging es dann an die Ostsee.

Badeplatz, Rafshagenudden

Der Badeplatz Rafshagenudden, etwa 35km südöstlich von hier ist ein genialer Zwischenstopp auf dem weiten Weg in die Stadt bzw. auf dem Rückweg von dort. Masha kann sich dort nicht nur die Beine vertreten, sondern nach Herzenslust herumtoben und -schüffeln, und den Stadtstress abschütteln.